Mikrobiom und Bakteriophagen: Aktuelle Entwicklungen im Überblick

Bei der letzten Veranstaltung des MRE-Netz Rhein-Main zum Thema Mikrobiom und Bakteriophagen, zu der rund 60 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus unterschiedlichen Bereichen im Auditorium des Gesundheitsamtes Frankfurt zusammenkamen, standen zwei hochaktuelle Themenfelder im Mittelpunkt: die Bedeutung des gastrointestinalen Mikrobioms sowie neue therapeutische Ansätze bei bakteriellen Infektionen.

Mikrobiom – Wissenstand zur Rolle der Mikrobiotika bei Kolonisierung und Infektionen mit MRE

Im Mittelpunkt des ersten Vortrags stand das gastrointestinale Mikrobiom, das als komplexes Ökosystem aus Billionen von Mikroorganismen eine zentrale Rolle für zahlreiche Prozesse im menschlichen Organismus spielt. Prof. Dr. Vehreschild verdeutlichte, dass dieses System weit über die Verdauung hinauswirkt. Es ist an immunologischen und metabolischen Funktionen beteiligt und beeinflusst die Entstehung verschiedenster Erkrankungen – darunter chronisch entzündliche Darmerkrankungen, das Reizdarmsyndrom sowie Leber- und Gallenwegserkrankungen. Auch mögliche Zusammenhänge mit Autoimmunerkrankungen und malignen Entwicklungen wurden thematisiert.
Besondere Aufmerksamkeit galt den Auswirkungen von Antibiotikatherapien, die das empfindliche Gleichgewicht des Mikrobioms nachhaltig stören können. Vor diesem Hintergrund wurden auch therapeutische Ansätze zur Wiederherstellung des Mikrobioms vorgestellt, insbesondere der Mikrobiomtransfer („Stuhltransplantation“), der zunehmend Eingang in die klinische Praxis findet.

Zielgerichtet gegen Bakterien – Neue Leitlinien zur Phagentherapie

Im zweiten Vortrag widmete sich PD Dr. Würstle aus der Infektiologie der Universitätsmedizin Frankfurt der Phagentherapie. Obwohl Bakteriophagen bereits vor nahezu einem Jahrhundert entdeckt wurden, gerieten sie durch den breiten Einsatz von Antibiotika lange in den Hintergrund. Angesichts weltweit steigender Antibiotikaresistenzen rückt dieser Ansatz jedoch erneut in den Fokus.
Würstle erläuterte die Möglichkeiten des klinischen Einsatzes von Bakteriophagen, insbesondere bei schwer behandelbaren bakteriellen Infektionen. Gleichzeitig ging sie auf die derzeitigen regulatorischen Herausforderungen in Deutschland ein, die eine breitere Anwendung bislang noch erschweren.

Die Veranstaltung bot nicht nur fundierte fachliche Einblicke, sondern auch Raum für Diskussion und Vernetzung. Sie machte deutlich, dass sowohl die Mikrobiomforschung als auch die Phagentherapie wichtige Impulse für die Weiterentwicklung moderner medizinischer Konzepte liefern.

Einladungsflyer_Mikrobiom und Bakteriophagen

Prof. Ursel Heudorf, PD Dr. Silvia Würstle, Prof. Dr. Maria J.G.T. Vehreschild, PD Dr. Katrin Steul
(v. l. n. r.)
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